Wirtschaft

Den russischen Haushalt retten ein fremder Krieg und die eigene Wirtschaftsleistung

Für den russischen Haushalt kam der Ölpreisanstieg durch den Nahostkonflikt gerade zum richtigen Zeitpunkt. Um das Defizit auszugleichen, sind ein annähernd stabil hoher Ölpreis ebenso vonnöten wie Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors. Diese verzeichneten einen Anstieg von 10,2 Prozent zum Vorjahr.
Den russischen Haushalt retten ein fremder Krieg und die eigene Wirtschaftsleistung© Illustration: © RIA Nowosti / durch KI generiert

Von Olga Samofalowa

Ein Frieden zwischen den USA und Iran scheint mal in greifbarer Nähe zu sein, mal wieder in weite Ferne zu rücken. Wie diese Krise letztlich ausgehen wird, weiß niemand. Die Konfliktparteien könnten kurzfristig ein Friedensabkommen unterzeichnen – zunächst ein vorläufiges, später ein endgültiges – und bereits im Mai oder Juni die Straße von Hormus wieder öffnen.

Ebenso gut könnten sie die Krise jedoch in die Länge ziehen, eine militärische Eskalation auslösen und die Lage so weit verschärfen, dass die Ölpreise derart stark in die Höhe schnellen, dass die Nachfrage drastisch einbricht – und mit ihr anschließend auch die Notierungen. Die Folge wäre eine weltweite Rezession. Ein solches Szenario haben wir bereits während der Coronavirus-Pandemie erlebt.

Beide Varianten sind für Russland mit Blick auf die Einnahmen nicht besonders günstig. Im ersten Fall würde der Ölpreis rasant unter 100 US-Dollar fallen, etwa auf 70 bis 90 US-Dollar pro Barrel. Die zweite Variante würde für unsere Abnehmer einen wirtschaftlichen Schock bedeuten: Fabriken würden ihre Produktion drosseln, der Verkehr würde zurückgehen, und sie würden nicht mehr so viel unseres Öls benötigen wie zuvor. Die Preise würden dann unberechenbar schwanken – von 150 bis 200 US-Dollar pro Barrel bis hin zu einem abrupten Einbruch. Während der Pandemie gab es sogar einen historischen Moment, in dem Öl zu negativen Preisen gehandelt wurde. Das bedeutete, dass Verkäufer draufzahlen mussten, damit überhaupt jemand dieses Öl abnahm. Ein solches Szenario wird vielleicht nicht eintreten, aber schon bei 59 US-Dollar pro Barrel für die Ölsorte Urals ist die Lage für den russischen Haushalt angespannt, wobei die Ölsorte Brent noch teurer gehandelt wird.

Für den russischen Haushalt und die Exporteure wäre die Beibehaltung des Status quo deutlich vorteilhafter: Die Ölpreise liegen hoch genug – bei etwa 100 bis 110 US-Dollar je Barrel –, aber noch nicht in einem extremen Bereich. In diesem Fall bleibt die Nachfrage nach Rohstoffen erhalten, während zugleich die Öl- und Gaseinnahmen des russischen Haushalts steigen. Ideal wäre es, wenn dieser Zustand möglichst lange anhielte.

Bereits im März und April erzielte Russland dank des Nahostkonflikts recht hohe Einnahmen. Diese reichten bislang jedoch lediglich aus, um die Verluste der ersten beiden Monate des Jahres auszugleichen. Im Januar und Februar wurde die russische Ölsorte Urals mit 41 bzw. 45 US-Dollar pro Barrel gehandelt. Damit blieb sie deutlich unter den im Haushalt veranschlagten 59 US-Dollar pro Barrel, was zu einem erheblichen Haushaltsdefizit führte. Der Nahostkonflikt kam in dieser Hinsicht, so seltsam es auch klingen mag, gerade zum richtigen Zeitpunkt. Bereits im März stieg der Preis für Öl der Sorte Urals auf 77 US-Dollar, im April dann auf 95 US-Dollar pro Barrel. Sollte sich die Unterzeichnung selbst eines vorläufigen Friedensabkommens zwischen den USA und Iran verzögern, wird der steuerlich relevante Preis für Öl der Sorte Urals im Mai weiter steigen – und damit auch die Öl- und Gaseinnahmen des Landes. Im April konnten bereits 240 Milliarden Rubel mehr eingenommen werden als im März.

Doch für das russische Finanzministerium ist es noch zu früh, sich zu entspannen. Das Haushaltsdefizit bleibt bestehen, und solche sprunghaften Öleinnahmen, wie sie in den ersten vier Monaten des Jahres zu verzeichnen waren, könnten das gesamte Jahr 2026 über anhalten. Selbst wenn es in diesem Jahr gelingt, die Preise auf einem hohen und stabilen Niveau zu halten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Welt 2027 in eine Phase niedriger Ölpreise zurückkehrt.

Denn nun kommt ein verzögerter Faktor ins Spiel: der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der OPEC+ und der damit verbundene mögliche Zerfall des Abkommens, womöglich auch durch den Austritt weiterer Mitglieder aus dieser Organisation. Dies könnte den Ölpreis in einem völlig unerwarteten Moment treffen – nämlich dann, wenn alle diese Gefahr bereits aus den Augen verloren haben. Derzeit verhalten sich die Teilnehmer des OPEC+-Abkommens noch zurückhaltend, doch sobald die Straße von Hormus wieder geöffnet ist, könnte sich ihre Haltung schlagartig ändern. Dem Vorbild der VAE folgend könnten auch sie ihren Austritt aus dem Ölabkommen erklären. Und es würde bereits der Austritt einiger weniger großer Akteure ausreichen, um den Einfluss der OPEC auf die Ölpreise auszuhebeln.

Andererseits gibt es das Problem der freigegebenen Ölreserven, die die Länder als Erstes wieder auffüllen werden, sobald die Straße von Hormus geöffnet ist. Dadurch steigt die Nachfrage nach dem "schwarzen Gold", was wiederum die Preise stützen dürfte. Wenn jedoch das OPEC+-Abkommen wie ein Kartenhaus zusammenbricht und seine ehemaligen Mitglieder beginnen, massenhaft so viel zu fördern, wie sie wollen, dann kann nichts mehr helfen: Die Notierungen würden bereits auf entsprechende Nachrichten hin nach unten schnellen – noch bevor tatsächlich zusätzliche Mengen Öl auf den Markt gelangen.

Daher ist es für Russland vorteilhafter, wenn der Konflikt möglichst lange in einer Schwelphase bleibt, begleitet von ständigen Friedensgesprächen, denn selbst bei einem für unsere Staatseinnahmen so günstigen Szenario wird das Füllen des Staatshaushalts keine leichte Aufgabe sein.

Unser Land verfolgt das Ziel, im Jahr 2026 Öl- und Gaseinnahmen in Höhe von 8,92 Billionen Rubel zu erzielen. In den ersten vier Monaten – trotz der schwachen Ergebnisse im Januar und Februar – flossen 2,3 Billionen Rubel in den Haushalt. Es bleiben also noch 6,62 Billionen Rubel, die zusätzlich eingenommen werden müssen. Das entspricht 828 Milliarden Rubel pro Monat und liegt damit etwas unter dem Aprilwert, als der steuerlich relevante Preis für Öl der Sorte Urals bei 95 US-Dollar pro Barrel lag. Damals flossen 856 Milliarden Rubel in den Haushalt. Wenn unser Öl das gesamte Jahr über so teuer bleibt, wird der Jahresplan für die Öl- und Gaseinnahmen erfüllt. Man muss jedoch berücksichtigen, dass ein solches Erfolgsszenario auch ausbleiben kann.

Die gute Nachricht besteht darin, dass Russland erstens über Reserven und zweitens über Einnahmen außerhalb des Öl- und Gassektors verfügt. Diese steigen weiter und gleichen den Rückgang der Öl- und Gaseinnahmen teilweise aus. So stiegen die Einnahmen aus anderen Wirtschaftsbereichen in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 10,2 Prozent, während die Öl- und Gaseinnahmen um 38,3 Prozent zurückgingen. Dies ist nicht nur auf die niedrigen Preise in den ersten Monaten zurückzuführen, sondern auch auf geringere Fördermengen im Vergleich zum Vorjahr. Damit gewinnt der nicht rohstoffbasierte Teil der russischen Wirtschaft aus Sicht der Haushaltseinnahmen zunehmend an Gewicht und Bedeutung.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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