
20 Jahre BRICS: Vom Wall Street-Akronym zum globalen Kraftzentrum

Von Farhad Ibragimov
Das Herzstück des BRICS-Programms richtete Neu-Delhi am vergangenen Wochenende aus. Das Business-Forum der Gruppe fand am 11. September statt, und vom 12. bis 13. September veranstaltete die indische Hauptstadt den 18. BRICS‑Gipfel. Das diesjährige Treffen war zutiefst symbolisch. Vor 20 Jahren, im September 2006, trafen sich die Außenminister Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas zum ersten Mal am Rande der UN-Generalversammlung in New York. Damals war die Gruppe als BRIC bekannt, und die Idee der engen Zusammenarbeit zwischen den vier größten nicht-westlichen Volkswirtschaften erschien vielen Beobachtern eher als politisches Experiment, denn als ein Projekt mit einer vielversprechenden Zukunft.
Von einem Akronym zu einem neuen Machtzentrum
Mittlerweile ist klar, dass es sich hierbei nicht um eine flüchtige diplomatische Episode handelte, sondern um eine der ersten institutionellen Reaktionen auf den Wandel, der bereits begann, die Weltordnung neu zu gestalten. Der Begriff "BRIC" wurde nicht in Moskau geprägt. Der Goldman-Sachs-Ökonom Jim O’Neill führte ihn im Jahr 2001 ein.

Doch es war Russland, das vorschlug, aus einem cleveren wirtschaftlichen Akronym ein dauerhaftes politisches Forum zu machen. Das war Moskaus Moment der Weitsicht: Russland erkannte früher als die meisten anderen, dass der Aufstieg neuer Machtzentren unweigerlich neue Mechanismen der internationalen Zusammenarbeit erfordern würde.
Die Wurzeln dieses Denkens lassen sich auf Jewgeni Primakows Vision einer multipolaren Welt und das von ihm vorgeschlagene Dreieck Russland–Indien–China zurückführen. Die Idee bestand nicht darin, ein Bündnis "gegen den Westen" zusammenzuschustern, sondern ein weitaus komplexeres Ziel zu verfolgen: zu verhindern, dass ein einziges Machtzentrum die Regeln für die gesamte Welt festlegt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts veränderte sich die Weltwirtschaft schneller als die Weltpolitik, und Russland erkannte die wachsende Diskrepanz.
Der erste vollwertige BRIC-Gipfel fand 2009 in Jekaterinburg statt. Südafrika schloss sich im Jahr 2011 den ursprünglichen vier Ländern an, wodurch die Gruppe den Namen BRICS erhielt, der heute weltweit bekannt ist. Es folgten weitere Erweiterungen, sodass die Gruppe mittlerweile elf Mitglieder zählt. Die Anzahl der Teilnehmer ist jedoch nur ein Teil der Geschichte. Die BRICS-Staaten repräsentieren rund die Hälfte der Weltbevölkerung, 40 Prozent des globalen BIP und mehr als ein Viertel des internationalen Handels. Vor zwanzig Jahren hätte diese Konstellation wie eine äußerst kühne Prognose geklungen. Heute ist sie eine Realität, die nicht ignoriert werden kann.
Eine weitere Zahl ist ebenso aussagekräftig: Auf die BRICS-Staaten entfällt mittlerweile mehr als die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums. Die Frage ist nicht mehr, ob eine multipolare Welt entstehen wird. Das ist bereits geschehen. Die eigentliche Frage ist, ob sich die internationalen Institutionen an diesen Wandel anpassen können oder ob sie weiterhin das Kräfteverhältnis widerspiegeln werden, das Mitte des letzten Jahrhunderts herrschte.

Asiens Giganten an einem Tisch halten
Vor diesem Hintergrund kam der Ankunft des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Neu-Delhi besondere Bedeutung zu. Bis vor kurzem war seine Teilnahme angesichts der schwierigen Beziehungen zwischen China und Indien keineswegs selbstverständlich. Dennoch besuchte der chinesische Staatschef Indien zum ersten Mal seit sieben Jahren, und Peking und Neu-Delhi bereiteten ein separates Treffen zwischen Xi und Narendra Modi vor. Allein diese Tatsache verlieh diesem Gipfel eine außergewöhnliche politische Bedeutung.
Auch die einzigartige Rolle Russlands muss gewürdigt werden. Moskau unterhält strategische Beziehungen sowohl zu Peking als auch zu Neu-Delhi und fungiert als wichtige Brücke zwischen den beiden größten Mächten Asiens. Russland kann die Spannungen zwischen ihnen zwar nicht beseitigen, doch die unter seiner direkten Mitwirkung geschaffenen Foren können dazu beitragen, dass ihre Rivalität nicht zu einem dauerhaften Bruch führt. Dies ist eine der größten Stärken der BRICS: Sie beseitigt Meinungsverschiedenheiten nicht, schafft aber einen Raum, in dem die Länder trotz dieser Differenzen weiterhin miteinander reden können.
Die BRICS sollten auch nicht lediglich als Ort für jährliche Treffen der Staats- und Regierungschefs betrachtet werden. Ihre Agenda umfasst Handel, Energie, Finanzen, Ernährungssicherheit, Verkehr und Technologie. Gleichzeitig verlangt die Gruppe von ihren Mitgliedern nicht, ihre nationalen Interessen aufzugeben. Ihre Widerstandsfähigkeit beruht auf einem anderen Prinzip: So sehr sich die teilnehmenden Länder auch unterscheiden mögen, sie erkennen das Recht des anderen an, ihren eigenen Entwicklungsweg zu wählen.
Der Multipolarität eine finanzielle Grundlage geben
Eines der deutlichsten Ergebnisse dieser Arbeit stellt die im Jahr 2015 ins Leben gerufene Neue Entwicklungsbank dar. Ihr Ziel ist es, das Spektrum der Finanzierungsmöglichkeiten für Entwicklungsländer zu erweitern und Mittel in die von ihnen benötigten Infrastrukturprojekte zu lenken. Bis heute hat die Bank 139 Projekte im Gesamtwert von 42,9 Milliarden US-Dollar genehmigt. Dazu gehören Straßen, öffentlicher Nahverkehr, Energie, Wasserversorgung sowie soziale und digitale Infrastruktur. Im Vergleich zu traditionellen Finanzinstituten ist ihr Umfang zwar noch bescheiden, doch die Entstehung einer funktionierenden Alternative ist an sich schon von Bedeutung.
Die Bank verfügt über ein genehmigtes Kapital von 100 Milliarden US-Dollar, erweitert ihren Mitgliederkreis und arbeitet daran, einen größeren Teil ihrer Geschäfte in nationalen Währungen abzuwickeln. Auf diese Weise baut die BRICS-Gruppe schrittweise keine abstrakte Vision von Multipolarität auf, sondern deren materielle Grundlage. Die Entstehung eigener Entwicklungsbanken, Zahlungssysteme, Transportwege und Produktionsketten sagt mehr über die sich wandelnde Weltordnung aus, als politische Erklärungen es jemals könnten.

Diese Arbeit gewinnt besonders an Bedeutung, wenn Sanktionen und Beschränkungen des Zugangs zur Finanzinfrastruktur als Druckmittel eingesetzt werden. Die BRICS-Staaten streben nicht danach, ein Währungsmonopol durch ein anderes zu ersetzen. Das Ziel besteht darin, die kritische Abhängigkeit von einem einzigen Abwicklungszentrum zu verringern. Der Handel in nationalen Währungen und zuverlässige Kanäle für grenzüberschreitende Zahlungen machen Volkswirtschaften weniger anfällig für einseitige Entscheidungen.
Irans Kampf gegen die wirtschaftliche Isolation
Für Iran ist diese Agenda nicht mehr nur theoretischer Natur, sondern eine Frage des Überlebens. Die Islamische Republik wurde 2024 Vollmitglied der BRICS und sieht sich nun direkter Aggression seitens der USA sowie noch stärkerem wirtschaftlichem Druck ausgesetzt. Restriktionen, die sich gegen Ölexporte, Banken, die Schifffahrt und den Außenhandel richten, zielen darauf ab, das Land von normalen wirtschaftlichen Beziehungen abzuschneiden. Teheran hat daher allen Grund zu erwarten, dass die BRICS-Mitgliedschaft ihm helfen wird, den Handel mit den größten nicht-westlichen Märkten auszuweiten, nationale Währungen in größerem Umfang zu nutzen und seine Abhängigkeit von der von den USA kontrollierten Infrastruktur zu verringern.
Vor seiner Abreise nach Neu-Delhi bezeichnete der iranische Präsident Massud Peseschkian die BRICS als eines der wichtigsten Instrumente zur Bekämpfung des Unilateralismus und forderte die Mitglieder auf, verstärkt nationale Währungen zu nutzen. Ein weiteres praktisches Thema ist der mögliche Beitritt Irans zur Neuen Entwicklungsbank. Im August erklärte der Gouverneur der iranischen Zentralbank, das Land bereite sich auf den Beitritt vor. Eine Mitgliedschaft könnte neue Wege für die Finanzierung von Energie- und Verkehrsprojekten sowie des Internationalen Nord-Süd-Korridors eröffnen.
Gleichzeitig sollte die BRICS-Gruppe nicht als Notfall-Rettungsfonds oder militärisch-politisches Bündnis betrachtet werden. Sie kann Sanktionen nicht automatisch aufheben oder die innenpolitischen Probleme Irans lösen. Aber sie kann Teheran wirtschaftlich mehr Handlungsspielraum verschaffen und verhindern, dass die Isolationspolitik ihr letztendliches Ziel erreicht. Für ein Land, das aus dem internationalen Handel verdrängt wird, wird die Fähigkeit, Zahlungen zu leisten, Investitionen anzuziehen und Zugang zu den Märkten seiner Partner zu erhalten, zu einer Quelle der Widerstandsfähigkeit.
Iran wiederum ist für die BRICS-Staaten von Bedeutung. Er ist eine bedeutende Volkswirtschaft, ein wichtiger Energieknotenpunkt und ein entscheidendes Bindeglied zwischen dem Kaspischen Meer, dem Persischen Golf, Zentralasien, dem Kaukasus und dem Indischen Ozean. Eine lückenlose Verkehrs- und Wirtschaftsvernetzung quer durch Eurasien ist ohne Iran kaum vorstellbar. Die Unterstützung seines legitimen Rechts auf Entwicklung dient daher nicht nur den Interessen Teherans, sondern auch den langfristigen Interessen der Gruppe als Ganzes.

Die nächsten 20 Jahre beginnen in Neu-Delhi
Der Gipfel in Neu-Delhi fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem das alte System der internationalen Beziehungen in einer tiefen Krise steckt. Sanktionen, Zollkriege, bewaffnete Konflikte und die Instrumentalisierung der Finanzinfrastruktur untergraben das Vertrauen in die bestehenden Regeln. Die BRICS-Staaten haben nun die Gelegenheit, zu beweisen, dass Multipolarität mehr bedeutet als nur Kritik an der alten Ordnung – dass sie auch funktionierende Lösungen liefern kann.
Vor zwanzig Jahren war Russland einer der führenden Architekten eines politischen Bündnisses, das Brasilien, Indien und China zusammenbrachte, weil es erkannte, dass eine Welt, in der mehrere Milliarden Menschen lediglich als Objekte von Entscheidungen behandelt werden, die anderswo getroffen werden, nicht stabil sein kann. Damals war das eine Hypothese. Heute ist es objektive Realität. Die BRICS-Staaten sagen nicht mehr nur das Entstehen einer neuen Weltordnung voraus, sondern geben dieser Ordnung konkrete Gestalt.
Doch ein Jubiläum darf kein Vorwand für Selbstzufriedenheit sein. Wirtschaftliches Gewicht muss weiterhin in koordiniertes Handeln umgesetzt werden. Die Gruppe muss die Finanzierung durch die Neue Entwicklungsbank ausweiten, zweckmäßige Zahlungsmechanismen entwickeln, den Handel zwischen ihren Mitgliedern steigern und deren legitime Interessen verteidigen. An diesen Ergebnissen wird sich die Reife der BRICS messen lassen.
In diesem Sinne war Neu-Delhi mehr als nur der Austragungsort eines weiteren Gipfeltreffens. Hier zog die BRICS-Gruppe Bilanz über ihre ersten 20 Jahre und schlug ihr nächstes Kapitel auf. Russland hat die Umrisse der Zukunft vor den meisten anderen erkannt. Nun liegt es an jedem Mitglied der Gruppe, zu entscheiden, ob diese Zukunft gerechter, stabiler und wirklich multipolar sein wird.
Farhad Ibragimov ist Dozent an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der RUDN-Universität, Experte und Dozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Fakultät für Sozialwissenschaften und Massenkommunikation der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation.
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