
BRD-Stiftung startet "Umfrage" zur Entfernung sowjetischer Ehrenmale – Jugend im Visier

Von Astrid Sigena und Wladislaw Sankin
Im Jahr 2000 war im Rahmen der Diskussion um die fehlende Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) entstanden. Fünf Milliarden des Stiftungsgeldes trug die deutsche Wirtschaft, die andere Hälfte des Stiftungsvermögens von rund 10,1 Milliarden Euro der Bund. Auch nach dem Abschluss der Zwangsarbeiterentschädigung gehören "humanitäres Engagement für Überlebende der NS-Diktatur" und "die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Ländern, die unter dem Nationalsozialismus besonders gelitten haben", zu den Stiftungszielen.
Allzu ernst scheint man das allerdings nicht mehr zu nehmen, denn nun setzt die gut dotierte Institution offenbar ihren Fokus auf die Bekämpfung jener Mahnmale, die an die nazistischen Untaten erinnern. Denn auf der EVZ-Seite für die Zielgruppe der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren wird eine Abstimmung über die Fortexistenz der drei sowjetischen Ehrenmale in Berlin angeboten. Zur Erinnerung: Die Ehrenmale müssten eigentlich gerade für die BRD, die sich in mehreren Verträgen zum Schutz sowjetischer Kriegsgräber verpflichtet hat, als unantastbar gelten. Zumal gerade diese Monumente wie keine anderen die Niederringung des deutschen Faschismus durch die Rote Armee symbolisieren.

Am 19. Mai erschien auf der Instagram-Seite von EVZ Young ein Post, der den jugendlichen Nutzern die Frage stellte: "Sind dir schon mal diese sowjetischen Ehrenmale in Berliner Parks aufgefallen?" Zu sehen ist im Hintergrund ein Bild des Sowjetischen Ehrenmals im Tiergarten. Der bronzene Rotarmist erscheint sogar vergrößert ein zweites Mal auf dem Bild, als wolle er auf den Betrachter losstürmen.
Im Begleittext heißt es, die sowjetischen Ehrenmale erinnerten an den Sieg über den Nationalsozialismus, seien jedoch von einem Staat errichtet worden, der selbst Millionen Menschen verfolgt habe. Für viele Menschen, vor allem aus Osteuropa, seien sie deshalb keine Symbole der Befreiung, sondern Symbole von Besatzung und Leid. Es stelle sich deshalb die Frage: "Erhalten oder entfernen? Kriegsdenkmal oder Erinnerungsort?"
Auf einem zweiten Instagram-Bild ist dann ein Foto von einem der Reliefs der Ehrenmale zu sehen. Bewaffnete Rotarmisten stürmen in einer Schlachtreihe voran. Ihren vom Künstler unterstellten ideologischen Hintergrund soll ein Lenin-Porträt verdeutlichen. Dazu schreibt die EVZ: "Die Ehrenmale stehen für den Sieg der Roten Armee im 2. Weltkrieg. Aber während sie Heldenmut verkörpern, bleibt das Leid der Opfer des Stalin-Regimes unterbelichtet."
Auf dem dritten Bild erscheint der Obelisk des Ehrenmals in der Schönholzer Heide sowie die Frage: "Was denkst du: Welchen Platz sollten sowjetische Ehrenmale in unserer Erinnerungskultur & unseren Städten haben?" Die erwartete Antwort ist klar, auch wenn sie unerwähnt bleibt. Dazu trägt auch die Bildsprache bei. Die Ehrenmale werden als grau und kalt dargestellt, mit wenig Plastiken und viel Beton. Verdeckt werden sie von einem an Blutflecken erinnernden roten Klecks. Und natürlich fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass an Feier- und Gedenktagen die Ehrenmale mit Blumen überhäuft werden.
Bundfinanzierte Stiftung EVZ stellt Sowjetehrenmale als leblose Orte dar und befleckt sie mit "Bluttropfen". In Wirklichkeit sind diese Orte an Feiertagen blumengesäumte Pilgerstätten für alle, die den Sieg über Nazismus/Faschismus feiern. #BuReg will das nicht mehr sehen.Warum?! pic.twitter.com/5prj3u3Dup
— Wlad Sankin (@wladsan) May 23, 2026
Denn der jugendliche Nutzer dieser Seite – ohnehin vom Schulunterricht weitgehend in Unkenntnis gehalten über das Ausmaß des genozidalen Vernichtungskriegs im Osten – erfährt in dem Instagram-Post nichts darüber, was diese Ehrenmale überhaupt notwendig gemacht hat: den deutschen Überfall auf die Sowjetunion, das Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener, die im millionenfachen Ausmaß verwirklichten Vernichtungspläne gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und den Plan, den freigewordenen Raum als "Lebensraum im Osten" germanischen Neusiedlern anzubieten.
Geht man auf die Seite der EVZ und sucht nach der Abstimmung, gelangt man zum sogenannten Historylab "für neue Perspektiven". Nach eigenen Angaben will es "ein Lern- und Denkraum für junge Menschen" sein, "die sich kritisch mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen und fragen, was sie für unsere Gegenwart bedeutet". Gefördert wird das Ganze von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, einem Amt, das dem Bundeskanzleramt direkt unterstellt ist.
Hier erfährt man dann endlich auch, wer die ominöse "Eva" des Instagram-Posts ist. Es handelt sich um eine alte Bekannte, was die Agitation gegen die sowjetischen Ehrenmale betrifft: die Vitsche-Aktivistin und Mitarbeiterin des Pilecki-Instituts Eva Jakubovska. Auch die Projektleiterin des Historylabs ist eine Ukrainerin namens Jekaterina Malygina. Für die Abstimmung über die Berliner Monumente zeichnen neben Vitsche auch das polnische Pilecki-Institut verantwortlich.
Unter der Überschrift "Vom Denkmal zur Debatte" geht die Anklage im Gerichtsprozess gegen die Ehrenmale in vorgeblicher Objektivität und Meinungsdiversität weiter. Im Text über die Abstimmung heben Vitsche und die EVZ mehrmals die Opfer des Stalinismus hervor, lassen aber die 27 Millionen Menschen, die die Sowjetunion infolge des deutschen Überfalls verlor, vollkommen unerwähnt. Ebenso fehlt der Hinweis darauf, dass die meisten von ihnen eben nicht auf dem Schlachtfeld starben, sondern unter grauenhaften Umständen ermordet wurden.
Auf einer interaktiven Karte kann sich der Leser näher über die drei Ehrenmale informieren. Hier wird der monumentale Charakter der Anlagen betont und die fortdauernde Existenz von Stalin-Zitaten in Treptow und der Schönholzer Heide infrage gestellt. Erwähnt wird ebenfalls, dass an allen drei Monumenten gefallene oder kriegsgefangene Rotarmisten begraben liegen. Im Falle des Ehrenmals im Treptower Park fehlt auch der Hinweis nicht, dass das Ehrenmal von Deutschland und der Stadt Berlin bezahlt werde.
Abgesehen von der Bemerkung, dass die Ehrenmale die Niederlage Nazideutschlands und den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg symbolisieren, fehlt jede weitere rechtliche oder historische Einordnung. Stattdessen folgt der Hinweis auf den sogenannten "russischen Angriffskrieg auf die Ukraine" und die Zeitenwende. Mehr und mehr würden "russische Einflussnarrative" hinterfragt, "die sich auf die einzigartige Rolle Russlands im 2. Weltkrieg und die Manipulation rund um diese Gedenkorte" stützten. Die monumentalen Skulpturen der Ehrenmale würden "dem Massenmörder Stalin huldigen" und dessen millionenfache Opfer "unterbelichten", so der Vorwurf.
"Sie lassen uns nicht einschüchtern" - Deutscher Antifaschist Thomas Geggel wird emotional wenn es um Verboten und Einschränkungen an Gedenktagen 8. und 9. Mai geht. pic.twitter.com/LWjkG36PJ1
— Wlad Sankin (@wladsan) May 23, 2026
Die Abstimmung selbst bietet dann drei Antwortmöglichkeiten: erstens "Entfernen. Erhalten – wird aus dem öffentlichen Raum entfernt", zweitens "Beibehalten. Erhalten – bleibt unverändert bestehen" und drittens die Möglichkeit, eine eigene Lösungsvariante anzugeben.
Unter der Abstimmung folgen vier "Expertenmeinungen" zur Entscheidungshilfe. Irina Schulikina von Vitsche e. V. macht den Anfang: "Aus Sicht von Vitsche e. V. feiern sowjetische Ehrenmale vor allem die Macht des Sowjetstaates. Sie reproduzieren die Erzählung eines Kampfes für die eigene 'Befreiung', nicht für eine Welt ohne Nationalsozialismus."
Ein merkwürdiges Argument von einer in Deutschland lebenden Ukrainerin. Ausgerechnet ihr Land stimmt jährlich bei der UNO gegen die Resolution zur "Bekämpfung der Verherrlichung des Nazismus". Auch Deutschland sowie andere NATO- und EU-Staaten stimmen dagegen. Eingebracht wird diese Resolution ausgerechnet von Russland, während die Mehrheit der Länder der Welt ihr zustimmt. Die Sorge um eine "Welt ohne Nationalsozialismus" erscheint daher wenig glaubwürdig und dürfte wohl vor allem bei einer noch nicht mit viel Wissen und Lebenserfahrung ausgestatteten EVZ Young-Zielgruppe verfangen.
Die Vitsche-Propagandistin erklärt weiter auf der bundeseigenen Plattform: "Kein Raum wird denen gegeben, die in Massenangriffen geopfert wurden, zerstörten Städten, Hunger, sowjetischen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung. Die Monumente instrumentalisieren Soldaten auch noch nach ihrem Tod – durch überlebensgroße Statuen, vergoldete Stalin-Zitate und eine Geschichtserzählung, die 1939 und die Zusammenarbeit der UdSSR mit NS-Deutschland ausblendet."
Auffällig ist dabei, dass die Vitsche-Vertreterin nicht von nazistischen Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung spricht, sondern von sowjetischen, und den Urhebern dieser Ehrenmale 80 Jahre nach deren Errichtung in besserwisserischer Manier diktiert, was diese symbolisieren sollen. Die direkt vom Bund finanzierte Stiftung macht sich damit mit dieser radikalen Form des Geschichtsrevisionismus "made in Kiew" gemein.
Der brandenburgische Landeskonservator Thomas Drachenberg ist gegen einen Abriss der Ehrenmale, aber nicht etwa, weil er sie als Mahnmale wertschätzt, sondern weil er Mythenbildung verhindern will – und Mythen seien Gift für die Demokratie. Er zieht einen Vergleich zur Berliner Mauer, deren Reste aufbewahrt würden, "um am Original zu zeigen, wie perfide das Regime war". Wer in diesem Vergleich als perfide dargestellt werden soll – die Naziherrschaft oder der Stalinismus –, bleibt unklar.
Und die Berliner Kuratorin und Autorin Bettina Klein plädiert für eine künstlerische Umgestaltung der Ehrenmale: "Temporäre künstlerische Interventionen, kombiniert mit einem diskursiven Begleitprogramm, könnten eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen und ästhetischen Erbe der sowjetischen Ehrenmale befördern. Diese materialisierten Machtdemonstrationen eines totalitären Regimes im Berliner Stadtraum benötigen dringend eine Aktualisierung – sowohl im Hinblick auf die historischen Fakten als auch beim Finden einer zeitgenössischen Antwort auf die Überwältigungsästhetik der Stalinzeit."
Das Pilecki-Institut meldet sich in der Person des Totalitarismusforschers Bartłomiej Kapica schließlich ebenfalls zu Wort. Er nennt sowjetische Traditionen "verbrecherisch". Mit der angeblich aggressiven militärischen Symbolik auf "diesen Denkmälern" macht er kurzen Prozess: Sie sollen verschwinden.
In manchen Fällen ist es allein schon niederträchtig, die Existenz bestimmter Gedenkorte zur Disposition zu stellen. Die sowjetischen Ehrenmale – nicht nur, aber besonders in Berlin – sind ein solcher Fall. Hier wird mittels einer scheinobjektiven Abstimmung ein Ostrakismus (Scherbengericht) gegenüber dem Fortbestand jener Denkmäler betrieben, die dem Sieg über den Nationalsozialismus gewidmet sind.
Damit steht nicht nur die Erinnerung daran, sondern auch der Sieg selbst wieder infrage. In der Epoche von "Zeitenwende" und "Kriegstüchtigkeit", in der die Abgeordneten im Reichstag womöglich bald über ein kriegerisches Vorgehen gegen Russland abstimmen müssen, stört der Blick auf den wachenden Bronze-Rotarmisten im nahen Tiergarten. Es stört die Erinnerung an die heldenhafte Mitmenschlichkeit eines Nikolai Massalow, an den die Skulptur im Treptower Park erinnert. Es stört der Anblick der trauernden "Mutter Heimat" in Treptow und Pankow, die das Leid verkörpert, das Deutsche im Rassenwahn über die Sowjetmenschen gebracht haben. Die EVZ-Abstimmung zielt darauf ab, unbequeme Mahner aus dem Stadtbild zu verdrängen.
Dass dabei die Stimmen teilweise aus eigener Tasche finanzierter osteuropäischer Propagandisten als ernstzunehmende Meinungen instrumentalisiert werden, liegt auf der Hand. Das ist nichts anderes als ein durchschaubares "good cop-bad cop"-Spiel zur Durchsetzung eigener Ziele. Und diese liegen kaum noch verborgen in der Umdeutung der Geschichte, wie die jüngsten Äußerungen hochrangiger Berliner Beamter offenbaren – hier und hier. Das Verbot sowjetischer Symbole am Tag des Sieges und die immer aggressiver geführte Umwidmungsdebatte sind nur die ersten deutschen, nicht ukrainischen oder polnischen, Schritte in diese Richtung.
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