
In seiner Rede in Metz zum Thema Europa prangerte der Papst die Wiederaufrüstung an

Von Pierre Levy
Nach spektakulären Begegnungen mit der Bevölkerung in Paris und anschließend in Lourdes, die von den großen französischen Fernsehsendern sehr ausführlich übertragen wurden, beendete der Papst seinen viertägigen Besuch in Frankreich am 28. September mit einer letzten Etappe in der Stadt Metz.
Ein Ort, der nicht zufällig gewählt worden war, da Leo XIV. eine als bedeutend angekündigte Rede über Europa halten wollte. Die lothringische Stadt ist in der Tat geprägt von der Persönlichkeit Robert Schumans (1886–1963), einer zentralen Figur in der Mythologie der europäischen Integration, der in diesem Zusammenhang oft als "Gründervater" dessen bezeichnet wird, was heute die Europäische Union ist.
Die Rede des Oberhaupts der katholischen Kirche, die im Robert-Schuman-Kongresszentrum gehalten wurde, lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren. Eine erste Deutung richtet den Blick auf das, was den Katholizismus eng mit dem europäischen Projekt verbindet und wie diese Verbindung sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildete und weiterentwickelte.
Der Papst ließ die Geschichte Revue passieren und erklärte:
"Europa hat nämlich schrittweise zu seinem Selbstverständnis gefunden –in den historischen Epochen der hellenistischen Zivilisation, des Römischen Reiches und schließlich der Ausbreitung des Christentums. Wobei es im Laufe der Zeit neue Kulturen wie unter anderem die germanischen und slawischen integrierte, bis es immer größere Gebiete umfasste."
Daraus ergebe sich die Feststellung, dass "Europa sich also in erster Linie als kulturelle und geschichtliche Größe versteht, und erst in zweiter Linie als geografische."

Alcide de Gasperi, ein weiterer "Gründervater", wurde von Leo XVI. ebenfalls herangezogen, um das "gemeinsame europäische Erbe" hervorzuheben, das heißt "diese einheitliche Moral, mit ihrem Streben nach evangeliumsgemäßer Brüderlichkeit, ihrer Achtung vor dem von den Vorfahren geerbten Recht, ihrer im Laufe der Jahrhunderte verfeinerten Verehrung der Schönheit und ihrem durch jahrtausendealte Erfahrung geschärften Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit."
Kurzum, der Heilige Vater betonte:
"Man kann also nicht von Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen“.
Ein "Narrativ", das den christdemokratischen Politikern, die der Einladung von Emmanuel Macron zur Teilnahme an der päpstlichen Ansprache gefolgt waren, Grund zur Freude gab. Der Herr des Élysée-Palasts, der auf eine Schar aktueller europäischer Führer gehofft hatte, musste sich mit den ehemaligen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und Romano Prodi begnügen, die aber immerhin vom Großherzog von Luxemburg und dem Fürsten von Monaco flankiert wurden.
Leo XIV. versäumte es nicht, daran zu erinnern, dass die europäischen Verträge "einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit den Kirchen" fördern, und ein sehr flexibles Verständnis von Laizität entwickeln, das der französischen politischen Tradition kaum entspricht.
Bemerkenswert ist, dass der erste nordamerikanische Papst der Geschichte keinerlei Anspielung auf die zweite Inspirationsquelle (und Finanzierungsquelle) der in den 1950er Jahren eingeleiteten europäischen Integration vorbrachte: die Bemühungen Washingtons, den Westen des Kontinents im Kontext des Kalten Krieges zu vereinen. Was zunächst die EWG war, wurde von den Vereinigten Staaten als wirtschaftliches Pendant zur Atlantischen Allianz auf militärischer Ebene gefördert.
Eine zweite Lesart der päpstlichen Rede könnte auf das hinweisen, was in diesem Zusammenhang als erwartbare Binsenweisheiten erscheinen mag. Leo XIV. plädierte dafür, "die zentrale Stellung des Menschen wiederzuentdecken und Begriffen wie Freiheit, Demokratie, Frieden und Einheit echte Substanz zu verleihen." Insbesondere sein Plädoyer für den Frieden war zwar deutlich zu spüren, aber kann man sich heute einen Papst vorstellen, der die Vorzüge des Krieges preist?
Ebenso widmete er den Migranten einen bedeutenden Platz:
"Das heutige Europa steht in der Tat vor einer neuen Etappe seiner langen Geschichte der Begegnungen, weil viele Männer und Frauen auf den Kontinent kommen, die vor Kriegsschauplätzen und Verfolgung fliehen oder auf der Suche nach einem besseren Leben fernab von Armut und Elend sind."
Er hob aber auch die Chance einer "beispiellosen Begegnung zwischen Völkern und Kulturen hervor, die zur kreativen Wiederentdeckung unserer Wurzeln und zugleich zum aufmerksamen Zuhören gegenüber dem Anderen aufruft."
Man kann sich jedoch noch auf eine dritte Weise der Rede von Metz nähern, denn sie enthielt auch weniger erwartbare und gerade deshalb umso interessantere Aussagen. Leo XIV. begnügte sich nicht damit, für den Frieden zu plädieren. Er forderte dazu auf, "einen geduldigen Dialog zu führen, Mut bei den Verhandlungen zu zeigen und bereit zu sein, bestimmte Positionen für das übergeordnete Wohl des Friedens aufzugeben."
Er verzichtete natürlich darauf, den Krieg in der Ukraine ausdrücklich zu erwähnen. Doch die anwesenden Diplomaten stellten sofort den Zusammenhang her. "Bereit sein, bestimmte Positionen für das übergeordnete Wohl des Friedens aufzugeben" – war das nicht eine Botschaft an den ukrainischen Präsidenten?
Bislang hatten Kommentatoren angemerkt, dass der Papst im Gegensatz zu seinem Vorgänger dreimal mit Wladimir Selenskij gesprochen hatte und eher auf der Seite Kiews stand. Der implizite Aufruf, schmerzhafte Kompromisse zu akzeptieren, könnte da als eine Neugewichtung interpretiert werden.
Das bleibt natürlich eine Hypothese. Die unmittelbare Fortsetzung der Rede war hingegen vollkommen klar: "Man muss sich vor der Illusion der Wiederaufrüstung hüten", erklärte der Papst unter dem verärgerten Blick des französischen Präsidenten – eine unmissverständliche Verurteilung des von der EU eingeschlagenen Kurses. Die Führer der EU haben nämlich beschlossen, die Produktion und den Kauf von Waffen zu beschleunigen, mit der Begründung, dass eine Konfrontation mit Russland bevorstehe, die sie mittlerweile als unvermeidlich bezeichnen.
Dies stößt offensichtlich auf die Missbilligung des Papstes: "Die wiederholten Forderungen nach einer Erhöhung der Militärausgaben und die daraus resultierenden Entscheidungen werden von vielen Regierenden mit der Gefährlichkeit anderer gerechtfertigt", prangerte Leo XIV. an.
Deutlicher könnte man sich angesichts der Entscheidung für eine beschleunigte europäische Aufrüstung kaum äußern. Und für diejenigen, die noch an der Stichhaltigkeit dieser Kritik zweifeln, stellte der Papst scheinbar rhetorisch die Frage:
"Heute müssen wir uns fragen, ob wir tatsächlich 'kreative Anstrengungen' unternehmen, um den Weltfrieden zu fördern, oder ob wir lediglich versuchen, das Blutvergießen des Krieges 'einzudämmen' und uns besser auf jene Kriege vorzubereiten, von denen wir annehmen, dass sie noch kommen werden."
Für den Heiligen Vater ist die Antwort klar: Man darf sich nicht mit der Unausweichlichkeit einer Konfrontation abfinden.
Der deutsche Bundeskanzler, der polnische Ministerpräsident und einige andere Kriegstreiber haben es wahrscheinlich nicht bereut, diese Rede in Metz geschwänzt zu haben.
Mehr zum Thema – Papst Leo XIV. ruft Europa zu friedlicher Beilegung von Konflikten auf
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