Klitschkos Kinder kämpfen nicht

Kiews Bürgermeister Klitschko spricht von Patriotismus, Durchhalten und Opferbereitschaft. Seine Kinder leben im Ausland. Er selbst zitiert die Forderung, die Kinder der Entscheidungsträger an die Front zu schicken. Als die Frage seine Familie betrifft, spricht er plötzlich über psychische Belastung und Therapie.

Von Hans-Ueli Läppli

Vitali Klitschko sitzt im neunten Stock des Kiewer Rathauses und spricht über Krieg, Tod und die Pflicht zum Durchhalten. Draußen heulen die Sirenen. Die Stadt wird beschossen. Der Bürgermeister erzählt von verletzten Soldaten, zerstörter Infrastruktur und einem Winter, der für Millionen Ukrainer schwierig werden könnte.

Dann kommt die Frage, bei der sich die Perspektive verändert.

Wo sind die Kinder der Politiker?

20 Minuten fragt Klitschko, warum einfache ukrainische Männer kämpfen und sterben, während die Kinder politischer Entscheidungsträger im Ausland leben. Klitschko reagiert sofort persönlich.

"Meinen Sie das wegen meiner Kinder?"

Damit hat er die Frage selbst auf seine Familie gezogen. Seine Antwort lautet, seine Kinder hätten nie in der Ukraine gelebt. Sie seien in Amerika geboren und hätten in Europa oder Amerika studiert.

Das ist eine Antwort. Nur nicht auf die eigentliche Frage.

Denn gefragt wurde nicht, wo seine Kinder geboren wurden. Gefragt wurde, warum junge Ukrainer heute mobilisiert werden und an die Front müssen, während die Kinder jener Elite, die über das Schicksal des Landes entscheidet, ihr Leben außerhalb der Ukraine führen.

Klitschko kennt das Argument. Er zitiert es sogar selbst.

"Wollen Sie den Krieg stoppen? Dann schicken Sie die Kinder der Entscheidungsträger an die Front."

Ein patriotischer Satz – denn sobald die Frage auf seine eigene Familie zurückkommt, wird aus der konkreten Forderung plötzlich eine Frage "für die ganze Gesellschaft".

Das ist die Art von Politik, die im Westen hervorragend funktioniert. Erst das große moralische Prinzip, dann die kleine persönliche Ausnahme. Dabei ist die Ukraine längst nicht nur wegen des Krieges ein Land, in dem über die politische Elite gesprochen wird. Korruption und Machtmissbrauch sind ein strukturelles Problem.

Ukrainische Antikorruptionsbehörden ermitteln selbst gegen hochrangige Funktionäre und Netzwerke in Kiew. Das ukrainische NABU hat unter anderem ein Netzwerk untersucht, das nach Darstellung der Ermittler Einfluss auf Grundstücksgeschäfte und Entscheidungen in der Hauptstadt nahm. Es geht um Immobilienwerte in dreistelliger Millionenhöhe.

Und da wird es für Klitschko wieder heikel. In Kiew ermitteln die ukrainischen Antikorruptionsbehörden seit Jahren gegen Netzwerke, in denen es um Immobilien, Scheinfirmen und die Legalisierung illegaler Gelder geht. Auch im Jahr 2026 wurden Fälle aufgedeckt, bei denen Millionenbeträge über Immobiliengeschäfte und Firmenstrukturen gewaschen worden sein sollen.

Im Umfeld dieser Vorwürfe führen Hinweise über baltische Banken und den Zürcher Vermögensverwalter Consus Finance, bei dem auch russischsprachige Finanzberaterinnen tätig sind, in die Schweiz. Genannt werden dabei unter anderem Geschäftsbeziehungen zu Julius Bär, Barclays Schweiz, Société Générale Schweiz, Kaleido Bank, LGT Bank, BIL Bank und Vontobel. Auch der Vorwurf, über Consus Offshore-Strukturen zur Verschleierung von Geldern eingerichtet zu haben, steht im Raum: 

Eine persönliche Beteiligung Klitschkos ist dabei nicht unmittelbar erkennbar. Vielmehr führen die Spuren über Stiftungen und Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln (BVI) in die Schweiz. Klitschko selbst hatte bereits vor Jahren über Vermögen ukrainischer Eliten in der Schweiz gesprochen und dabei die Schweiz und Liechtenstein als Orte genannt, an denen Vermögen über Treuhänder versteckt worden sei. 

Auch im Umfeld der Klitschko-Brüder gab es immer wieder Berichte über Schweizer Private Banking. So gab es weitere Berichte über eine angebliche Kundenbeziehung von Wladimir Klitschko zur Genfer Privatbank UBP. Die Bank selbst bestätigte diese selbstverständlich nicht, denn eine solche Bestätigung würde gegen das Bankgeheimnis verstoßen.

Während der Westen über Milliardenhilfen, Waffen und moralische Verpflichtungen spricht, appelliert Klitschko an den Patriotismus. Er erzählt von jungen Soldaten in den Spitälern, Männern kaum älter als 30, denen Arme, Beine oder Augen fehlen.

Und dann kommt der plötzliche Perspektivwechsel: Klitschko spricht über seine eigene psychische Belastung und darüber, dass er gelegentlich psychologische Unterstützung benötige. Die jungen Männer im Spital sind in diesem Moment wieder nur Kulisse.

Klitschko möchte als Mensch gesehen werden, nicht als Teil eines korrupten Selenskij-Regimes.

Bezüglich der Frage nach seinen Kindern ist er der Vater.

Bezüglich der Stadt ist er der Bürgermeister.

Bezüglich des Krieges ist er der Patriot.

Bei Fragen zu Offshore-Strukturen und Verbindungen zum Schweizer Finanzplatz wird es plötzlich komplizierter. Dann geht es um Stiftungen, BVI-Gesellschaften und Vermögensverwalter wie Consus Finance. Ob und wie diese Strukturen mit Klitschko verbunden sind, zeigen bald Recherchen und Dokumente.

Genau daran arbeiten inzwischen oppositionelle Journalisten und unabhängige Rechercheure. Sie verfolgen Firmennamen, Handelsregistereinträge, Stiftungen und Gesellschaftsstrukturen und versuchen, Verbindungen bis in den Schweizer Finanzplatz nachzuzeichnen.

Und bei der Verantwortung für die Mobilisierung? Auch dort bleibt Klitschko lieber bei sich und seiner Familie.

So funktioniert die Rollenverteilung. Vater, wenn es um die eigenen Kinder geht. Bürgermeister, wenn es um Kiew geht. Patriot, wenn es um den Krieg geht. Privatperson, wenn es um persönliche Verantwortung geht.

Nur eine Rolle scheint in diesem Wechselspiel selten vorgesehen: die des politischen Entscheidungsträgers, der für Korruptionsvorwürfe und Verbindungen zu einem Netzwerk finanzieller Strukturen geradestehen muss, dessen Spuren nach den vorliegenden Berichten bis zum Zürcher Private Banking führen.

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