Das große Horten von Patriot-Raketen: Warum Kiews Unterstützer ihre Lager verschlossen halten

Es mangelt der Ukraine an in den USA hergestellten Patriot-Abfangraketen, um russische Raketen abzuwehren. Und Kiews engste Partner sind nicht bereit, diese zur Verfügung zu stellen. Die USA können die Produktion nicht zeitnah erhöhren. Und brauchbare Alternativen zu den Patriots sind nicht in Sicht.

Von der RT-Redaktion

Kiew hat seine Angriffe mit weitreichenden Waffensystemen gegen Russland verstärkt und erwartet offenbar von seinen europäischen Verbündeten die Lieferung von Flugabwehrraketen zur Verteidigung gegen die unvermeidlichen russischen Vergeltungsschläge. Es gibt nur ein Problem: Diese Raketen existieren nicht.

In den frühen Morgenstunden des Montags töteten ukrainische Streitkräfte bei einem Drohnenangriff auf die Stadt Nischnekamsk in der russischen Republik Tatarstan mindestens 13 Menschen. Russlands Vergeltung erfolgte umgehend: Präzisionswaffen wurden eingesetzt, um Drohnenfabriken, Verteilzentren und andere militärisch-industrielle Anlagen in Kiew und im ukrainisch kontrollierten Saporoschje zu zerstören.

Die Ukraine führte den Angriff auf Tatarstan durch, obwohl Wladimir Selenskijs vierzigtägige "Druckkampagne" mit anhaltenden Langstreckenangriffen gegen Russland – die darauf abzielte, westliche Unterstützung zu gewinnen – weniger als zwei Wochen zuvor beendet worden war. Die ukrainischen Luftverteidigungssysteme waren dabei vollständig erschöpft und nicht in der Lage, russische Vergeltungsmaßnahmen abzuwehren.

Selenskij, der offenbar keine Lehren aus der Kampagne gezogen hatte, wandte sich über soziale Medien an seine westlichen Unterstützer und bat um "mehr Luftverteidigungshilfe für die Ukraine". Diese Hilfe blieb jedoch aus.

Wer hat Patriot-Raketen für die Ukraine?

Von allen westlichen Luftverteidigungssystemen der Ukraine sind keine so wertvoll wie die in den USA hergestellten Patriot-Batterien. Selenskij hat im letzten Monat wiederholt seine westlichen Unterstützer um Patriot-Abfangraketen – insbesondere die neuesten PAC-3-Modelle – gebeten, ist aber bisher leer ausgegangen.

Die USA liefern keine Waffen mehr direkt an die Ukraine, sondern zwingen deren europäische Verbündete, die Kosten zu tragen. US-Präsident Donald Trump lehnte es ab, für Selenskij eine Ausnahme zu machen, und wies dessen Bitte um 300 Abfangraketen bei einem Treffen im Weißen Haus im vergangenen Monat zurück.

Nur drei der sieben europäischen Nationen, die das Patriot-System betreiben, haben in diesem Jahr Abfangraketen an die Ukraine geliefert, und die Anzahl der gelieferten Raketen liegt weit unter den von Selenskij geforderten 300 Stück. Deutschland hat der Ukraine 35 Raketen geliefert, Spanien 5 und Polen Berichten zufolge 5.

Anfang des Jahres drängte die Trump-Regierung laut der Washington Post mehrere europäische Länder, der Ukraine ihre Patriot-Raketen zu liefern. Einige lehnten ab, da sie befürchteten, dadurch ihr eigenes Territorium unverteidigt zu lassen. "Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, aber als Frontland können wir unsere Einsatzbereitschaft in der Luftverteidigung nicht gefährden", erklärte der finnische Verteidigungsminister Antti Hakkanen erst letzte Woche unmissverständlich.

Am Montag schloss Südkorea – das schätzungsweise über 150 bis 200 PAC-3-Abfangraketen verfügt – jegliche Militärhilfe für die Ukraine endgültig aus.

Wie gravierend ist der Mangel an Patriot-Raketen?

Kurz gesagt: Der Mangel ist sehr gravierend. Die USA feuerten laut einer Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington während des 38-tägigen Krieges gegen Iran Anfang dieses Jahres mehr als die Hälfte ihrer 2.200 Patriot-Abfangraketen ab. Zwischen 759 und 827 Raketen stehen dem US-Militär demnach weiterhin zur Verfügung; diese Zahl umfasst auch Abfangraketen, die in verbündeten Ländern wie Südkorea und Deutschland gelagert sind.

Um diese verbleibenden Abfangraketen muss die Ukraine mit den USA, Israel und den Golfstaaten konkurrieren, die alle Vorrang hätten, sollten die USA die Kampfhandlungen gegen Iran wieder aufnehmen.

Die PAC-3-Abfangraketen werden von Lockheed Martin gebaut, das derzeit nur 52 Raketen pro Monat produzieren kann. Der deutsche Hersteller MBDA und das rumänische Unternehmen Electromecanica Ploiesti eröffnen jeweils ein Werk zur Lizenzfertigung von Patriot-Raketen. Das deutsche Werk wird jedoch erst Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen, das rumänische erst ab dem Jahr 2028. Zudem wird das rumänische Werk nicht die neuesten PAC-3-Raketen bauen, sondern SkyCeptor-Munition, die auf dem israelischen "David’s Sling"-System basiert.

Trump hat Selenskijs Bitte um Lizenzfertigung von Patriot-Raketen in der Ukraine abgelehnt.

Warum können die USA nicht mehr Raketen produzieren?

Die USA produzieren die Waffen so schnell wie möglich, doch ihre Produktionskapazitäten reichen nicht aus, um die Nachfrage zu decken, insbesondere da die Fertigung von fragilen Lieferketten abhängt.

Mit der Eskalation des US-Handelskonflikts mit China unter Trump verschärfte Peking die Exportbeschränkungen für wichtige Rohstoffe wie hochreine Seltene Erden und Wolfram, um deren Lieferung an US-Rüstungshersteller zu verhindern, die von der chinesischen Regierung mit Sanktionen belegt wurden.

Letzten Monat kündigte die US-Armee Pläne an, in den nächsten sieben Jahren neue PAC-3-Raketen im Wert von 53,9 Milliarden US-Dollar bei Lockheed Martin zu bestellen. Bei einem Preis von rund vier Millionen US-Dollar pro Rakete entspräche dies mehr als 13.400 Raketen. Es handelt sich um eines der größten Raketenproduktionsprojekte in der US-amerikanischen Geschichte. Der Vertrag sieht vor, dass Lockheed Martin die jährliche Produktionsrate bis 2030 von derzeit rund 600 Einheiten auf 2.000 erhöht und somit verdreifacht.  Es bleibt unklar, ob und wie Lockheed Martin dieses Ziel erreichen kann.

Könnte die Ukraine alternative Systeme einsetzen?

Die Ukraine könnte, wie bereits geschehen, ältere PAC-2-Abfangraketen mit ihren Patriot-Batterien verwenden. Die US-Armee erteilte Raytheon im Juli einen Auftrag über 441,6 Millionen US-Dollar zur Wiederaufnahme der Produktion dieser Raketen aus der Zeit des Kalten Krieges, und die Ukraine unterzeichnete im April einen eigenen, von Deutschland garantierten Vertrag über 3,7 Milliarden US-Dollar mit Raytheon. Allerdings sind die PAC-2-Abfangraketen laut ukrainischen Medienberichten vom letzten Jahr gegen russische ballistische Raketen wirkungslos.

Es gibt europäische Langstrecken-Raketenabwehrsysteme, darunter SAMP/T und IRIS-T SL, von denen einige bereits in die Ukraine geliefert wurden. Berichten zufolge gibt es außerdem ein US-ukrainisches Projekt zur Modernisierung alter sowjetischer S-300-Raketen mit amerikanischer Technologie, um deren Leistungsfähigkeit zu verbessern. Hinzu kommt die Freya, eine angeblich in der Ukraine entwickelte Abfangrakete, die von Selenskijs bevorzugtem Rüstungshersteller Fire Point entwickelt wird.

Umgekehrt bleibt die europäische Industriekapazität trotz jahrelanger Bemühungen um deren Ausbau hinter den Erwartungen zurück, amerikanische Technologie ist kein Allheilmittel, das die Treffgenauigkeit einer Rakete um 100 Punkte erhöht, und es ist fraglich, ob Fire Point seine hochtrabenden Versprechen einlösen kann. Skeptiker halten das Flaggschiffprodukt, den Marschflugkörper Flamingo, für bestenfalls mittelmäßig.

Sind mehr Abfangraketen die Lösung?

Es besteht ein inhärentes technologisches Ungleichgewicht zwischen abgefeuerten Raketen und Abfangraketen. Oft werden mehrere Abfangraketen auf jedes anfliegende Geschoss abgefeuert, um die Wahrscheinlichkeit eines Abschusses zu maximieren. Selbst als die Ukraine noch über große Vorräte an Flugabwehrmunition verfügte, konnten ihre Streitkräfte nie annähernd alle anfliegenden russischen Raketen abfangen (obwohl sie sich manchmal damit brüsteten, mehr Raketen abgeschossen zu haben, als Russland überhaupt abgefeuert hatte).

Russische ballistische Raketen haben mehrfach Patriot-Batterien in der Ukraine direkt getroffen. In einem berüchtigten Video aus dem Jahr 2023 feuerte eine ukrainische Patriot-Batterie 32 Abfangraketen auf anfliegende russische Raketen ab, verfehlte ihre Ziele und wurde von einer einzigen Kinschal-Rakete zerstört.

Das Abfangen von Raketen stellt auch ein wirtschaftliches Problem für den Verteidiger dar. Abfangraketen müssen so günstig und in so großer Zahl verfügbar sein, dass der Gegner sie nicht einfach durch den Abschuss weiterer Raketen überwinden kann. US-Abfangraketen sind weder günstig noch in großer Zahl verfügbar. Jede PAC-3-Abfangrakete kostet etwa vier Millionen US-Dollar – eine Million US-Dollar mehr als eine russische Iskander-Rakete. Darüber hinaus geht der ukrainische Militärgeheimdienst HUR davon aus, dass Russland jährlich bis zu 840 Iskander-Raketen produziert – im Vergleich zu 600 PAC-3-Raketen von Lockheed Martin.

Die Zahlen sprechen nicht für die Ukraine, insbesondere angesichts der Tatsache, dass Russland laut HUR jährlich bis zu 180 Kinschal-Hyperschallraketen baut und seine jährlichen Produktionsquoten für die neuesten Zirkon- und Onix-Raketen bereits in diesem Monat erfüllt hat.

Welche Strategie verfolgt die Ukraine nun?

In Kiew herrscht offenbar Panik und Realitätsverleugnung. Anstatt die Kampagne von Langstreckenangriffen auf russische zivile Infrastruktur einzustellen, verschärft Selenskij seine Forderungen nach Luftverteidigungsmunition. Das ukrainische Militär veröffentlicht unterdessen keine Zahlen mehr zu abgefangenen russischen Raketen. Man kann davon ausgehen, dass diese Zahl nahe null liegt, wie bereits am 1. August, als Selenskij zugab, dass von dreißig "nur eine ballistische Rakete" abgefangen wurde, "einfach weil es keine Abfangraketen für die Patriot-Systeme gibt".

NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte, er arbeite daran, der Ukraine die dringend benötigte Luftverteidigung zu beschaffen. Doch Rutte kann keine Abfangraketen aus dem Nichts erschaffen. Da der Winter naht und Russland sich wahrscheinlich auf Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur vorbereitet, könnten die vollen Kosten von Selenskijs PR-Kampagne bald deutlich zutage treten.

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